Naturschutz kennt keine freien Tage
Heute war Samstag, und in Sankt Andreasberg fand das Stadtfest statt. Trotzdem ist das Nationalparkhaus täglich geöffnet – auch am Wochenende. Dann hütet immer nur eine Person das Haus. Dieses Mal übernahmen meine Kollegin und ich den Wochenenddienst: sie den Samstag, ich den Sonntag.
Erst waren wir auf der Sommerrodelbahn, danach beim Minigolf, und dann ging es natürlich aufs Stadtfest. Wir ließen die Seele baumeln – und das bei traumhaftem Sommerwetter. Ein Traumtagerl, wie man in meiner Heimatstadt Wien sagen würde.
Mir war jedoch klar, dass ich heute auch kurz im Nationalparkhaus am Tresen stehen würde, damit meine Kollegin ebenfalls einen Sprung aufs Stadtfest machen konnte. Am späten Nachmittag teilte sich also unsere Gruppe, und ein Kollege begleitete mich zurück ins Haus. Kaum saßen wir am Tresen, klingelte mein Handy – mein Chef rief an: Bei der nahegelegenen Grube Samson sei ein geschwächter oder möglicherweise verletzter Vogel gefunden worden – ob ich ihn abholen und mich kümmern könne? Mein Kollege machte sich sofort auf den Weg, kehrte aber verwirrt zurück: „Ich dachte, ich soll einen ausgestopften Vogel abholen – und jetzt hab ich einen lebendigen in der Hand.“ Kein Wunder, denn die Grube Samson hat auch ein Kanarienvogelmuseum mit ausgestopften Tieren. Nach anfänglicher Überforderung mit diesem Vogel, der natürlich aus der Kiste in die Freiheit drängte, versuchte ich, die nächste Vogelstation zu erreichen – leider vergebens. Auch weitere Stellen wussten nicht weiter und rieten mir, auf gut Glück zur Vogelstation nach Osterode zu fahren.
Gerade als ich die Entscheidung getroffen hatte, kam meine Kollegin vom Stadtfest zurück und erkannte sofort: Es war ein junger Mauersegler. Diese Vögel können vom Boden aus nicht starten und brauchen immer Hilfe, wenn man sie dort entdeckt. Nach der Entfernung einer Laus unter seinem Flügel versuchte sie, ihm Starthilfe zu geben – ohne Erfolg. Schnell war klar: Der Vogel war ein Ästling – er hatte das Nest verlassen, war aber noch nicht flügge. Da die Mauersegler in unserer Region bereits Richtung Süden aufgebrochen waren, hatten ihn die Eltern vermutlich zurückgelassen, weil er nicht rechtzeitig flugfähig war.
Nun drängte die Zeit, und ich machte mich auf den Weg zur Vogelstation, damit der Mauersegler die richtige Versorgung bekam. Allerdings war es schon kurz vor Schließzeit, und als ich endlich dort ankam, war das Tor, das zur Station führte, bereits verschlossen. Doch ich erspähte weit hinter dem Zaun eine kleine Hütte – und einen Hund. „Wo ein Hund ist, muss auch ein Mensch sein“, dachte ich mir. Was nun? Aufgeben konnte und wollte ich nicht – der Vogel musste heute noch in die richtigen Hände. Also schlich ich ein wenig um das Gelände herum und entdeckte schließlich einen Trampelpfad, der in den Wald führte. Und siehe da: Der Pfad führte direkt zu einer Tür im Zaun, direkt neben der Hütte. Dort wurde ich auch schon von dem Hund begrüßt, den ich zuvor aus der Ferne gesehen hatte. Auf mein „Hallo“ folgte lautes Gebell, und es kamen noch mehr Hunde aus der Hütte – gefolgt von einem Mann. Dieser war allein für die Vogelstation zuständig und nahm sich glücklicherweise dem Mauersegler an. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Mission erfolgreich erledigt!
Sophie Marschitz
Umweltpraktikantin 2025
Ort
Nationalpark Harz