Herbst-Gedicht

Wasservögel im Watt stehend

Woran erkennt man, dass es Herbst wird? Nicht an bunten Blättern, nicht an kalten Morgen, sondern daran, dass die Vögel zurückkommen. Aus ihren Brutgebieten, weit oben im Norden, kehren sie ins Wattenmeer zurück. Hier fressen sie sich satt, hier sammeln sie Kraft, bevor es weitergeht.

Manchmal glaube ich, ich kann das verstehen. Auch für mich ist das Wattenmeer ein Ort zum Durchatmen, ein Ort, an dem man auftanken kann.

Heute war ein besonderer Tag. Der Wasserstand lag bei +0,4, genau richtig. Herbstzug liegt in der Luft. Schon am Strand beginnt ein Gewusel, kaum angekommen, hört man es überall. Rufe, Flügelschläge, Bewegung. Tausende Vögel, dicht an dicht, alle auf der Suche nach Nahrung. Es wirkt chaotisch und gleichzeitig vollkommen geordnet. Sandregenpfeifer huschen über den Sand, bleiben stehen, schauen, laufen weiter. Dazwischen Alpenstrandläufer und Sanderlinge, immer in Bewegung, sie rennen den Wellen hinterher und picken im Takt des Wassers. 

Andere stehen tiefer im Schlick und stochern nach Würmern, nach kleinen Muscheln, nach allem, was das Watt ihnen gibt. Der Strand lebt. Und dann plötzlich ein anderer. Ein kurzer Moment, ein zweiter Blick. Ein Sichelstrandläufer. Rostroter Bauch, noch im Prachtkleid, leuchtend zwischen all den anderen. Gerade erst aus der arktischen Tundra unterwegs, auf dem Weg in weit entfernte Überwinterungsgebiete. Für einen Augenblick sticht er heraus, dann verschwindet er wieder im Gewimmel.

Genau diese Momente sind es, die bleiben. Das Schönste an solchen Tagen ist der Rhythmus. Morgens mit einer Schulklasse durchs Watt, durch den Schlick, Fragen beantworten, gemeinsam staunen. Nachmittags Ausstellungsdienst, Gespräche, erklären, zuhören. Und abends, Zeit haben. Die Sonne geht unter. Das Licht wird weich, warm, alles verlangsamt sich. Die Vögel rücken näher an die Wasserkante, ihre Rufe klingen weiter über das ruhige Meer. Das Wasser spiegelt den Himmel, orange, gold, fließend. Ich stehe einfach da und schaue. Und irgendwo zwischen Ebbe und Flut, zwischen Ankommen und Weiterziehen, fühlt es sich genau richtig an.

Melissa Häuptle

Umweltpraktikantin 2025

Ort

Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer