Voices of Water
Normalerweise besteht ein typischer Arbeitstag bei mir aus viel Schlick und Geschrei – eine Schulklasse nach der anderen erlebt mit uns, was den Lebensraum Wattenmeer so besonders macht und welche Lebewesen es hier so zu entdecken gibt. Doch an diesem Tag besteht mein Publikum nicht aus Kindern, sondern eher aus ihren Großeltern. Sie tragen auch keine Gummistiefel, sondern Hemd und Bluse. Und rennen und hüpfen nicht am Strand entlang, sondern sitzen ruhig auf ihren Stühlen in einem Halbkreis.
Ich bin eingeladen worden, um als „regionale Expertin“ auf dem Friesenklang-Festival zu referieren. Das Friesenklang-Festival ist eine viertägige Veranstaltung, die klassische Musik an ungewöhnlichen Orten und in experimentellen Veranstaltungsformaten präsentiert. Jeder Tag steht unter einem anderen Titel. Das Motto der gesamten Veranstaltung lautet „Natur und Industrie“. Der finale Veranstaltungsteil am Sonntag, der unter dem Titel „Voices of Water“ steht, wurde wie folgt angekündigt: „Die Wasserwelt wird musikalische hörbar gemacht und das Konzert durch wissenschaftliche Kurzvorträge zum Ökosystem Jadebusen zu einem ganzheitlichen Erlebnis“. Meine Teilnahme an diesem Projekt gehört übrigens nicht zu den üblichen Aufgaben im Praktikum, sondern ich habe freiwillig zugestimmt, das zu übernehmen. Eine ungewohnte Herausforderung für mich.
Die erste Herausforderung startete am Kleiderschrank: Was ziehe ich an? Finde ich überhaupt noch irgendwo Kleidung, die nicht vom Schlick braun gesprenkelt wurde? Dieses Problem ließ sich mithilfe der Waschmaschine zum Glück lösen.
Die zweite Herausforderung: Was soll ich da erzählen? Von der Organisatorin erfahre ich, dass sich der erste Teil des Konzertes musikalisch um Themen „über dem Wasser“ (mit Stücken wie „was der Westwind gesehen hat“ von Claude Debussy und „Auf dem Wasser zu singen“ von Franz Schubert) drehen wird, während im zweiten Teil eher die Welt unter Wasser musikalisch beleuchtet wird. Es wäre doch schön, wenn ich diese Aufteilung auch in meinen Vorträgen aufgreifen könnte.
Also starten wir mit dem ersten Vortrag ganz weit über dem Wasser: Im Weltall, mit einer kurzen Erklärung zur Entstehung der Gezeiten. Danach kommt ein kurzer Werbeblock, in dem ich erzähle, was ein Nationalpark ist und warum ich Nationalparke für ein tolles Konzept halte. Passend zum Stück „Der Schwan“ von Camille Saint-Saens geht es im Anschluss um die Bedeutung des Wattenmeers für Zug- und Brutvögel. Nach der Pause tauche auch ich thematisch ins Wasser ein und stelle die small five, die fünf häufigsten Tiere des Wattenmeers vor. Meine Ausführungen enden im ganz Kleinen, im Ort Dangast, von wo aus wir in einer Zeitreise die Entstehung des Jadebusens nachvollziehen – eine Geschichte, die geprägt ist von Gewalt und Zerstörung und uns lehrt, dass die Natur den Mensch beherrscht und nicht andersherum.
Insgesamt war das Festival für mich eine interessante Erfahrung und ich freue mich, dass ich in meinem Praktikum auch die Möglichkeit bekommen habe, etwas „unkonventionellere“ Umweltbildung zu betreiben. Trotzdem freue ich mich darauf, nächste Woche wieder mit den Schulklassen im Watt zu stehen – mit Schlick von oben bis unten und bemüht, sich irgendwie Gehör zu verschaffen. Das ist einfach mehr „mein Habitat“.
Hannah Hoffschulz
Umweltpraktikantin 2026
Ort
Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer