Gewitter op dat Diek

Frau steht mit einem Spektiv auf dem Deich.

Nach meiner kurzen (geplanten) Unterbrechung im Juli, bin ich seit Anfang August wieder zurück im Land Wursten. Ein kleines Stück Land, etwa 50km zwischen Cuxhaven und Bremerhaven, von dem ich vor meinem Praktikum noch nie gehört hatte. Es ist etwas anders hier als die Nordseeküste im Wangerland, die ich vom Urlaub kenne. 

Außer der kleinen Insel Neuwerk gibt es auf der weiten Wattfläche nur niedrigere Sandbänke und wir haben aus dem Bürofenster im Nationalpark-Haus uneingeschränkten Blick auf knapp 20 km Meer und Watt. Jeden Abend geht die Sonne über dem Meer unter. Bei klarem Himmel versammeln sich Touris und Einheimische am Strand vor dem Leuchtturmdenkmal Obereversand und bestaunen das Spektakel. Auch die ein oder andere Verlobung habe ich hier schon beobachtet. 

Im Juni und Juli hatten wir viele sonnige, warme Tage, wo ich die 250m Weg zum Wasser besonders genossen habe (auch wenn man Schwimmen gehen an der Nordsee immer gut timen muss). Im August kann ich mich nur noch an einmal Schwimmen erinnern. Seitdem hat hier oben der Herbst begonnen.

Heute Morgen bin ich noch bei Sonnenschein und etwas Wind über den Deich zur Arbeit gefahren. Um 8 Uhr ging es los mit Aquarienreinigung, die wir meist zu dritt oder zu viert – die Freiwilligen und ich – bestreiten. Es gilt, bei allen Becken von innen und außen die Scheiben zu wischen und einiges an Algen zu entfernen. Zudem bereiten wir das Futter für später vor. Heute ist Montag, also spülen wir noch die Filtermatte. 

Den Vormittag gestalte ich mir mit Recherche-Arbeit für meine selbst konzipierte Wattführung nächste Woche. Es geht um ein Thema, womit ich mich als Person „born and raised“ in Mittelhessen bisher nicht beschäftigt hatte: Entlang der Nordseeküste werden Sommerdeiche stellenweise geöffnet, um die dahinterliegenden Salzwiesen zu renaturieren. Das dient dem Natur- und Klimaschutz, ist allerdings recht kontrovers, weil sich die Menschen teilweise Sorgen um Abstriche im Küstenschutz machen. In meiner Führung möchte ich den Leuten näherbringen, was genau getan wird und inwiefern sichergestellt wird, dass der Küstenschutz nicht zu kurz kommt.

Um 13 Uhr machen wir uns schließlich auf zur Watt- und Wasservogelzählung, die alle zwei Wochen stattfindet. Wir sind zu dritt: die FÖJlerin Juliane, unsere stellvertretende Hausleiterin Damaris und ich. Es geht los am Grünstrand. Noch hält sich das Wetter von heute Morgen. Wir zählen Austernfischer, Lach-, Silber- und Sturmmöwen, Goldregenpfeifer, Brachvögel, Alpenstrandläufer, und – mein Highlight, da ich sie heute zum ersten Mal im Freien sehe – die kleinen Sandregenpfeifer.

Die nächste Station ist direkt oben auf dem Hauptdeich, ein kleines Stück weg vom Nationalpark-Haus. Juliane und ich bauen die Spektive auf, während Damaris noch bei der vorherigen Station Möwen zählt. Während ich versuche, Brachvögel von Steinen zu unterscheiden, ziehen die Wolken zu. In der Ferne blitzt es, doch die große Gewitterwolke scheint an uns vorbeizuziehen. Die kleinere, nähere ist nur eine Regenwolke, sage ich mir.

Doch von einer Minute zur nächsten nimmt der Wind extrem zu. Die Brachvögel fliegen auf, aber ich hätte es eh nicht mehr geschafft, sie zu zählen. Wir stehen nur da, halten die Spektive fest und den Wind aus. Irgendwie total spektakulär. Wir hören es grummeln, die Regentropfen sind wie kleine Nadeln auf unseren Rücken und Beinen. Der Ernst der Lage wird mir erst klar, als Damaris, zu uns hochradelnd, ruft, wir sollen sofort einpacken und vom Deich runter. Das Gewitter ist nur noch wenige Kilometer entfernt. In Hektik und Chaos versuchen wir, uns sowie die Ausrüstung sicher nach unten auf den Fahrradweg zu transportieren.

20 Minuten später und klitschnass bis auf die Socken kommen wir am Nationalpark-Haus an. Wir packen alles aus und legen die Sachen zum Trocknen ins Labor. Dann schnell nach Hause unter die Dusche. Der Arbeitstag war deutlich kürzer als gedacht.

Es fasziniert mich, wie schnell und unvorhergesehen sich das Wetter hier an der Küste ändern kann, und wie extrem es teilweise ist. Solche Stürme und Gewitter habe ich selten erlebt. Manchmal müssen wir Veranstaltungen wegen Gewitterwarnung absagen, und eine halbe Stunde später ist der Himmel wieder klar und es ist warm. Abend-Wattwanderungen, bei denen die untergehende Sonne die Wattfläche goldgelb leuchten lässt, sind die andere Seite der Medaille. Das werde ich auf jeden Fall sehr vermissen.

Hoffentlich kann meine Sommer-Deichführung nächste Woche stattfinden!

 

 

Elias Parbel

Umweltpraktikant 2026

Ort

Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer