Den Wildtieren auf der Spur

Ein Sonnenuntergang von einem Hügel aus mit Blick ins Tal, im Vordergrund steht eine Eberesche

Es ist Montag, 07:00 Uhr. Mein Wecker klingelt und ich schäle mich aus meinem Bett. Von draußen höre ich einen Schwarzspecht rufen, ein Kälbchen muht. Ich öffne das Fenster und mir strömt kühle Morgenluft und der Geruch nächtlichen Regens ins Gesicht – was für eine Idylle! Ich mache mir eine Tasse Kaffee und setzte mich heute ausnahmsweise mal zum Frühstücken auf die Terrasse.

Die Sonne kitzelt in meinem Gesicht und ich merke, wie meine Schläfrigkeit langsam der Vorfreude auf den Tag weicht. Seit mittlerweile zweieinhalb Monaten lebe und arbeite ich hier an meiner Einsatzstelle, dem Natur-Erlebniszentrum HohneHof im Nationalpark Harz. Weniger schön wird das Aufwachen hier trotzdem nicht. :)

So, jetzt sollte ich mich aber schleunigst an die Arbeit machen, denn ein Montag in den Schulferien bedeutet volles Tagesprogramm für mich und es gibt noch einiges vorzubereiten! Heute werde ich, wie jeden Montag in den Sommerferien, um 10 Uhr eine Familien-Führung über den Löwenzahn-Entdeckerpfad geben. Dafür packe ich schonmal meinen Rucksack: immer mit dabei sind Augenbinden, kleine Kärtchen mit Fotos von Wildtieren, Borkenkäfer und ein Stück Fichtenrinde mit ihren Fraßspuren, ein Tierspuren-Domino, Geweihe von Rehbock und Hirsch und der Hauer eines Wildschweins. Das Erste-Hilfe-Set und eine Flasche Wasser dürfen natürlich auch nicht fehlen. Ich checke noch schnell meine Mails und gehe dann nach unten in die Ranger*innen-Station. 

Im Rahmen des Ferienprogramms habe ich für heute Nachmittag eine Kinderbuchlesung aus dem Buch „Der kleine Luchs“ geplant. Dafür mache ich gemeinsam mit zwei Kolleg*innen den Seminarraum etwas gemütlich. Wir stellen Liegestühle auf, ich bestücke eine Vase mit frischen Blümchen und baue den Beamer auf, denn das Coolste ist, dass ich vom Verlag die Illustrationen aus dem Buch zur Verfügung gestellt bekommen habe und die Kinder dadurch quasi alle gleichzeitig ins Buch schauen können, während ich vorlese. Als ich fertig mit dem Aufbauen bin, überfliege ich noch einmal das Buch und mache mir Notizen wann und wie ich die Kinder einbeziehen möchte, denn die Lesung soll ja schließlich alles andere als langweilig werden. 

Schon ist es 9:40 Uhr und ich schnappe mir meinen Rucksack und mache mich auf den Weg zum Eingang des Entdeckerpfades, an dem mich heute bereits fünf Familien erwarten. Wir beginnen mit der Frage, was den Nationalpark eigentlich von dem Forst auf der anderen Straßenseite unterscheidet. Dann überlegen wir gemeinsam, wie Menschen sich hier verhalten können und sollten, um die Natur so wenig wie möglich zu beeinflussen. Weiter geht es mit dem Thema Tierspuren. Die Familien lernen, dass man meist nur genau hinschauen muss, um ganz viele Hinweise darauf zu bekommen, welcher große oder kleine Waldbewohner hier so unterwegs ist. Über ein paar Tierarten, ihre Lebensweise und ihre Rolle im Wald lernen wir etwas mehr: Wodurch kann ich einen Pfotenabdruck vom Luchs, von dem des Wolfs unterscheiden? Ein Hirschgeweih besteht nicht aus Horn? Und wie kommt eigentlich das Fraßbild des Buchdruckers zustande? Zwischendurch spielen wir Luchs und Reh machen eine kleine kreative Übung. „Wer traut sich mit verbundenen Augen über den Barfußpfad?“ - Mit dieser kleinen Mutprobe geht unsere Führung schließlich zu Ende.

 Es ist jedes Mal aufs Neue erfüllend zu merken, wie die meisten Besucher*innen sich von meiner Begeisterung für die Natur anstecken lassen und selbst ein schüchternes Kind oder ein grummeliger Vater irgendwann etwas auftauen. An diesem Tag erzählt mir eine Mutter, wie sehr sie es genießt, wenn Dinge „kinderfreundlich“ erklärt werden, weil es ihr so auch viel leichter fällt Zusammenhänge richtig zu verstehen. All das sind Gründe, warum ich die Bildungsarbeit gerade so bereichernd finde.

Ich verabschiede mich von der Gruppe und gehe zurück zum Hof. Meine Mittagspause vergeht wie im Flug, denn dann ist es schon Zeit für die Lesung. Ich freue mich, als ich die drei Familien im Seminarraum sehe, die es sich schon in den Liegestühlen gemütlich gemacht haben. Nach einer kurzen Begrüßung beginne ich vorzulesen. Zunächst etwas zurückhaltend, fangen ganz bald die Augen der Kinder an zu leuchten und alle lauschen gespannt, was der kleine Luchs wohl als nächstes erleben wird. Wir machen gemeinsam die Pfotenbewegungen des kleinen Luchses nach, rätseln wer dem kleinen Luchs im Wald wohl plötzlich gegenübersteht, und erzählen uns, ob wir auch schonmal jemanden beschützt haben, so wie der kleine Luchs von seiner Mutter beschützt wurde. Das Vorlesen macht riesigen Spaß und als das Buch schließlich zu Ende ist, sind alle ein bisschen traurig. 

Anschließend schauen wir uns drüben in unserer kleinen Ausstellung einen ausgestopften Luchs an und es werden noch ein paar Fragen gestellt, bevor die Familien sich verabschieden. An solchen Tagen merke ich mal wieder, dass es für viele Leute nicht unbedingt informative Vorträge sein müssen, um Inhalte zu verstehen. Viel mehr kommt es darauf an Menschen mit Begeisterung, Witz und Kreativität die Natur näher zu bringen.
Mit diesem Gedanken und einem warmen Gefühl im Herzen räume ich den Seminarraum auf und schon endet mein Arbeitstag.

Nach dem Abendessen mache ich noch eine kleine Wanderung zu den Klippen auf den Berg hinter dem Hof und schaue mir von dort den Sonnenuntergang an. Ich fühle mich wohlig und erfüllt von den Dingen, die ich heute erlebt habe und bin gespannt welche schönen Begegnungen und lehrreiche Erlebnisse in diesem Praktikum noch auf mich warten.

 

Helena Plochberger

Umweltpraktikantin 2026

Ort

Nationalpark Harz