Barfuß im Wald
Heute war ich das erste Mal seit längerem wieder ein bisschen aufgeregt, bevor ich die Kindergruppe mit meinen Kolleg*innen in Empfang nahm. Mittlerweile kenne ich einige der Programme, die wir als Umweltbildungsteam des Nationalparks Sächsische Schweiz für verschiedenste Schulklassen anbieten, aber heute stand das Thema „Baum“ auf dem Plan und das war neu für mich.
Meine Kleingruppe sollte sich mit dem Thema Wurzel beschäftigen und natürlich hatte ich mich ordentlich mit dem kleinen Programmheft auseinandergesetzt, war die Wege abgelaufen und hatte die Materialien durchgesehen, aber am Ende kann man ja doch nie auf alles vorbereitet sein… Vor allem nicht mit einer Wundertüte an Zweitklässlern, wie ich die letzten Wochen immer wieder festgestellt hatte. Keine Gruppe glich der anderen und genauso wenig taten das diese Kinder.
Wir standen also am Fähranleger, nahmen die Klasse in Empfang und starteten den gemeinsamen Teil des Programms. Schon bei den Anfangsspielen wurde klar, dass wir hier eine sehr lebendige Klasse erwischt hatten und normalerweise liebte ich das, weil trödelnde Kinder und Zeitdruck für mich der ärgste Gegner in einem Programm sind. Bei diesem Thema gab es allerdings kaum Stationen, in denen man sich auspowern konnte, und mir schwante Übles.
Als ich dann mit meiner kleinen Gruppe loszog und den ersten Teil der Geschichte vorlas, der uns durch das Leben der Tiere in und um die Wurzeln eines Baumes begleiten sollte, bestätigte sich meine Vermutung, dass das so alles nicht funktionieren würde. Also verlegte ich mich auf des Umweltbildners besten Freund: das Improvisieren. Wir hätten als nächstes eine Barfußraupe bilden sollen, bei der sich die Kinder mit verbundenen Augen an den Schultern anfassen und als Raupe durch den Wald geführt werden. Ich sah sie sich dabei schon ordentlich durch die Gegend schupsen und beschloss, vielleicht lieber auf die Augenbinden zu verzichten und jedem sein Tempo zu lassen. Erst wollte keiner die Schuhe ausziehen, doch als ich es vormachte, taten sie es mir misstrauisch nach. Unter jedem Blatt vermuteten sie Fuchskacke und setzten die Füße so vorsichtig und bedacht, wie ich es mir vorher nicht hätte erträumen lassen.
Doch nach und nach wurden sie mutiger, vergaßen die Angst vor dem Dreck und das Piksen an den Füßen und gruben ihre Zehen in die Buchenblätter. Kaum jemand wollte die Schuhe wieder anziehen. Als ich am Ende hoffte, mit einer Runde Fangen-Spielen genug überschüssige Energie abzubauen, um doch noch die wichtigsten Teile der Geschichte vorlesen zu können, rannten gleich zwei Barfüßige mit leuchtenden Augen auf mich zu und berichteten begeistert, wie toll das Gras beim Rennen an ihren Füßen brannte. Da wurde mir klar, dass ich gerade etwas viel Wichtigeres erreicht hatte, als zu erklären, dass sich der Fuchs seine Höhle gerne in den Wurzeln baut.
Yurid Behr
Umweltpraktikantin 2026
Ort
Nationalpark Sächsische Schweiz